-frei nacherzählt von Jörg Steinhäuser-
Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, als der Harz noch kaum besiedelt war, da lebten in den Wäldern Elfen, Zwerge und andere Fabelwesen und die Tiere konnten noch sprechen.
Auch wusste man von Zauberern und Hexen zu berichten, die die Wälder durchstreiften und sich einmal im Jahr zur Walpurgisnacht auf dem Blocksberg, der heute Brocken genannt wird, zum wilden Tanze trafen.
In dem kleinen Harz-Örtchen Saxa gab es zu dieser Zeit einen Schmelzteich, der die Wasser des Flüsschens Uffe im Frühjahr nach der Schneeschmelze aufhielt und regulierte. Der Schmelzteich war die Heimat vieler Fische, Frösche und anderer Wasserlebewesen, aber am schönsten und quirligsten waren die Schmerle. Kleine schnelle Fische, deren Schuppenkleid im Sonnenlicht silbrig glänzte. Die Schmerle waren oft übermütig und konnten gar nicht genug bekommen vom schnellen quicklebendigen Spiel in den Fluten, auch wenn es dabei nicht gerade leise zuging. Grundsätzlich hätte sich auch kaum jemand daran gestört, wenn die Schmerle nicht gleichzeitig ebenso eingebildet wie rücksichtslos gewesen wären. Sie hielten sich schlicht für die wichtigsten Kreaturen in den Harzer Bächen und Flüssen und nahmen sich daher das Recht heraus, jederzeit das zu tun, was Ihnen beliebte, ohne Rücksicht auf die Mitbewohner der Gewässer und der Ufer.
Am Ufer eben jenes Schmelzteiches trafen sich seinerzeit immer zur Vollmondnacht die Elfen und Zwerge, um in dieser besonderen Nacht gemeinsam im silbrigen Mondlicht, dass sich auf dem Schmelzteich spiegelte, zu tanzen. Doch von Mal zu Mal wurde Ihnen die Freude mehr verdorben, störten doch die Schmerle – keiner weiß zu sagen, ob mit Absicht oder einfach aus Übermut – mit ihrem lärmenden Geplätscher und Getobe den Tanz. Eines Nachts waren die Schmerle so laut, dass von der zarten Elfenmusik kaum noch etwas zu hören war.
„Jetzt reicht es“, empörte sich die Anführerin der Elfen, flog wütend zu den tobenden Schmerlen und gebot Ihnen Einhalt. Doch die Schmerle dachten gar nicht daran aufzuhören. Im Gegenteil, die Schmerle verspotteten sie und spritzen sogar ihre Flügel nass, so dass sie nur mit Mühe das Ufer erreichte.
Aufgeregt redeten die Elfen und Zwerge durcheinander und versuchten einen Ausweg zu finden, auf dass die Schmerle künftig den Mondscheintanz nicht mehr zu stören vermochten, doch es fiel keinem etwas ein. Zufällig bemerkte eine Hexe, die gerade in der Nähe Kräuter für einen Trank gesammelt hatte, die Aufregung der kleinen Wesen. Und da Hexen, ich weiß nicht ob euch das bekannt ist, nicht nur zaubern können und auf Besen reiten sondern auch über alle Maßen neugierig sind, flog sie kurz entschlossen zu den verzweifelten Elfen und Zwergen und hörte sich deren Nöte an. Als sie die ganze Geschichte kannte, war sie ebenso empört wie die Elfen und Zwerge – hatten die Schmerle sie doch auch schon in den Gedanken gestört, welche Kräuter und Wurzeln sie noch brauchte. Die Hexe fasste einen Entschluss und flog nun ihrerseits zu den tobenden Schmerlen.
Einen der Schmerle, der besonders laut war, beobachtete sie intensiv und in einem passenden Moment flog sie zu ihm und wies mit ihrem knorrigen langen Zeigefinger auf ihn und murmelte eine unheilvolle Formel:
“Verzaubert seiest du lange Zeit,
bis dickes Moos dir ward zum Kleid.
Fest soll dich eine Kette halten,
da sollst du deines Amtes walten.
Und allen Schmerlen groß und klein
sollst du ein treuer Hüter sein.
Wenn manches Jahr dann ist verronnen,
wird auch der Bann von dir genommen.
Vollbringe eine gute Tat,
dann alle Pein ein Ende hat.”
Es blitzte und donnerte, der Wind rauschte in den Bäumen, ein helles Leuchten erhellte den See und dann war es plötzlich wieder mucksmäuschenstill. Das silbrige Mondlicht spiegelte sich auf dem Schmelzteich und ein sanfter Wind bewegte die Blätter am Ufer. Die Schmerle tuschelten leise aber aufgeregt und die Elfen und Zwerge standen wie gebannt am Ufer und starrten auf das Wasser.
Der vorlaute Schmerl aber, den die Hexe gebannt hatte saß nun in der Schleusenkammer unter dem „Mönch“ des Schmelzteiches, tief unten im Wasser zwischen Steinen und Geröll, an eine lange Kette geschmiedet.
Die Schmerle umschwammen ihn und einige versuchten verzweifelt ihn zu befreien, aber ein Entkommen war absolut unmöglich. Andere regten sich lauthals auf und machten noch mehr Krach als vorher. Da sprach der angekettete Schmerl zu den anderen: „Ihr seht doch was passiert, wenn wir so laut im Teich umher schwimmen. Versprecht mir ab sofort leise zu sein, sonst werde ich nie wieder frei kommen, und euch passiert womöglich noch das gleiche.“
So zogen die Jahre ins Land und die Elfen und Zwerge konnten bei Mondschein wieder in Ruhe musizieren und tanzen.
Der verhexte Schmerl aber wurde älter und älter. Dichtes Moos wuchs auf seinem Kopf und so nannten ihn die kleinen
Schmerle den “alten Urschmerl”. Sie schwammen lustig herum und oft viel zu weit fort, so dass er sie gar nicht mehr beaufsichtigen konnte. So hatte er keine Möglichkeit eine gute Tat zu vollbringen und musste weiter Jahr um Jahr am Grund der Schleuse gefesselt bleiben.
Aus dem kleinen Harz-Örtchen Saxa war inzwischen das schöne Städtchen Bad Sachsa geworden. Es gab natürlich auch eine Menge kecker Buben, die gern am Wasser spielten und mit Geschick versuchten, Schmerle zu fangen, denn diese glitzernden, flinken Fischchen gefielen ihnen besonders gut. Das jedoch Fischen verboten war interessierte den Buben nicht. Es machte ihnen so viel Spaß im Wasser herumzulaufen und Fische zu fangen. Wer dann die größten Schmerle gefangen hatte, der war der Wildfischerkönig. Ach, das war ein lustiges Spiel! Die Schmerle selber aber brachen jedes Mal in Panik aus, und schwammen ganz aufgeregt wild hin und her.
Eines Tages, als einer der Jungen neugierig am Mönch einen Stein aufhob, um einmal in die Schleusenkammer hinein zu sehen und was sah er da? Einen alten, riesengroßen Schmerl an einer Kette. Der sah ihn böse an, schlug mit seinem langen Schwanz wütend um sich und blies mit lautem Getöse einen scharfen Wasserstrahl auf den Jungen. Oh, wie erschrak er da. Beinahe wäre er umgefallen. Beide Arme streckte er gen Himmel und starrte den großen Fisch an.
“Weißt du nicht, dass die Fische so gern froh durchs Wasser schwimmen und sich freuen, dass sie leben? Wie könnt Ihr es dann wagen sie zu jagen und aus dem Wasser zu holen?“ sprach der alte Schmerl mit tiefer Stimme. Der Junge war ganz erschrocken und noch mehr erstaunt darüber, dass ein Fisch mit ihm sprach, aber er versprach nickend, es auch den anderen Jungen zu sagen, dass sie nun keine Schmerle mehr fangen sollten. Da freute sich der alte Schmerl, dass es ihm gelungen war, den Jungen zu belehren und er somit viele kleine Schmerle retten konnte. Nun würden sie lustig weiter schwimmen können, und mussten keine Angst mehr haben.
Doch sollte dieser Vorfall nicht der einzige bleiben in den Tagen am Schmelzteich, denn es war wieder kurz vor Vollmond. Wie immer verhielten sich die Schmerle in dieser Nacht ganz ruhig, aus Angst die Hexe könnte eines Tages wieder kommen und noch mehr von ihnen in die Tiefen des Teiches verbannen. Doch etwas war anders in dieser Nacht.
Es erklang nicht die übliche Musik der Elfen sondern man hörte nur ganz feine Glöckchen klingen, ein zarter Nebel wallte über den Teich und aus dem Nebel erschien in einem hellen Licht eine der Elfen und flog zielstrebig auf die Schleuse zu.
Der alte Schmerl vernahm es wohl und konnte es doch nicht recht deuten. Silbriges Schimmern umgab ihn und Ruhe legte sich über den Teich, als die Elfe mit glockenklarer Stimme sprach:
“Nun bist du vom langen Zauber befreit.
Es löse Moos sich vom schillernden Kleid.
Gelöst sei die Kette, die lang dich beschwert,
du hast dich für alle Schmerle bewährt.”
Dann war die Stimme wieder fort, die Nebel rissen auf und der volle Mond goss sein silbernes Licht über den Schmelzteich. Da plötzlich zersprang die Kette, die den Schmerl so viele Jahre an den Grund gefesselt hatte, das Moos fiel von ihm und er war wieder so jung und quicklebendig wie in jener Nacht, da ihn die Hexe verzauberte.
Niemand weiß mehr so genau, was dann geschah, aber fest steht, dass es seit jener Nacht keine Schmerle mehr im Schmelzteich gibt. Man sagt sie wären aus Angst vor einem neuen Zauber geflohen, aber wer will das schon so genau wissen.
Was geblieben ist, ist der Tanz der Elfen und Zwerge, jedes mal bei Vollmond. Doch hören und sehen kann sie nur, wer reinen Herzens ist. Du auch?